Klimaschutz im Taubertal

Wertheim. „Lebe die Nachhaltigkeit“, so beschreibt Professor Dr. Martina Klärle ihr Lebensmotto. Überzeugungen, die man anderen vermittle, müsse man auch selbst leben. Die Wissenschaftlerin forscht und  lehrt an der University of Applied Science in Frankfurt und lebt im Weikersheimer Teilort Schäftersheim, in dem sie auch aufgewachsen ist. Auf Einladung des Kreisverbandes der Grünen stellte sie in einem Vortrag im Arkadensaal ihr mehrfach preisgekröntes Plus-Energie-Projekt „Hof 8“ vor.

 

Ein großer herrschaftlicher Bauernhof mit Stallungen und Remise, gegenüber von ihrem Elternhaus gelegen und seit mehreren Jahren leerstehend, war bereits für den Abriss vorgesehen. Professor Klärle kaufte ihn mit dem Ziel, daraus einen „Plus-Energiehof“ zu machen. Und der sollte nicht teurer werden als ein konventionelles Gebäude. Die Referentin sieht darin „meinen Beitrag gegen den Klimawandel“. Zwar werde das Taubertal von der Klimakatastrophe weniger stark betroffen sein, die Erderwärmung führe jedoch zu einem Anstieg des Meeresspiegels. Weite Gebiete würden vom Meer verschlungen werden. Die Menge der Klimaflüchtlinge werde die Zahl der Kriegsflüchtlinge zukünftig noch weit übertreffen, ist Klärle überzeugt.

 

An die Sanierung des Anwesens in Schäftersheim in den Jahren 2012 bis 2014 sei sie mit dem Ziel gegangen, mit dem Gebäude 150 Prozent der Energie zu erzeugen, die es verbraucht, einschließlich des Stroms für ihre Elektroautos. Um so viel „graue Energie“ einzusparen, die bei der Produktion der Baumaterialien verbraucht wird, seien Steine und Dachziegel der alten Gebäude so weit als möglich wiederverwendet worden. Dazu habe sie in der Ausschreibung die ausführenden örtlichen Firmen verpflichtet. Im ehemaligen Bauernhaus wurde ihr Planungsbüro untergebracht, im Stall eine Hebammenpraxis und in der Remise zwei barrierefreie Wohnungen.

 

Das Anwesen wurde mit einer Wärmedämmung aus Altpapier versehen. Strom erzeugt das Gebäude mittels großflächiger Fotovoltaik-Anlagen, die in verschiedene Himmelsrichtungen ausgerichtet sind, damit die Elektrizität über möglichst viele Stunden des Tages zur Verfügung steht. Zu manchen Zeiten wird zwar Strom vom örtlichen Energieversorger bezogen, sehr viel größere Überschüsse speise sie jedoch ins öffentliche Stromnetz ein, berichtete Professor Klärle. Neben dem Aufladen ihrer Elektroautos wird mit dem Strom eine Grundwasser-Wärmepumpe betrieben, welche die Heizwärme für die insgesamt 700 Quadratmeter Nutzfläche erzeugt. Das Grundwasser eigne sich sehr viel besser als die Luft für die Wärmegewinnung mittels Wärmepumpe, weil es „Sommer wie Winter immer 10 bis 12 Grad warm ist“. Auf eine konventionelle Heizung als Rückfallsystem für den Fall, dass die Anlage einmal ausfällt, habe sie bewusst verzichtet. Als sinnvolle Ergänzung zur Fotovoltaik bereitet Professor Klärle derzeit die Installation von Kleinwindrädern vor, um Strom auch zu Zeiten zu erzeugen, in denen die Fotovoltaikanlage keinen produzieren kann.

 

200 Prozent erneuerbare Energie

Inzwischen hat die Eigentümerin die Energiebilanz eines ganzen Jahres aufgestellt. Demnach hat sie nicht nur 150 Prozent wie angestrebt, sondern sogar 206 Prozent der Menge erzeugt, die sie, ihre Mieter und ihre Angestellten verbraucht haben. Auf dem Grundstück befinden sich Ladesäulen für Elektrofahrzeuge, die sie öffentlich anbietet. Sie plane, zukünftig in Schäftersheim Carsharing einzuführen, damit Nachbarn ihre Zweitwagen abschaffen können.

 

Professor Kläre ist es wichtig zu betonen, dass Hof 8 kein hoch subventioniertes Pilotprojekt ist, sondern völlig wirtschaftlich. Es habe rund 1,7 Millionen Euro gekostet. Die Wärmepumpe amortisiere sich in nur 7 Jahren. Danach spare sie damit bares Geld. Die kostendeckende Miete liege völlig im ortsüblichen Rahmen.

 

Das überzeugende Projekt „Hof 8“ ist inzwischen mehrfach preisgekrönt worden, zuletzt mit dem Europäischen Architekturpreis 2015 „Energie + Architektur“.

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