Ampel, Ampel, Ampel

Benutzt man die noch im Bau befindliche Bad Mergentheimer Südumfahrung von Igersheim bis zur Esso-Tankstelle Wahl, so muss man drei Ampeln passieren. Die erste befindet sich an der Abzweigung der alten B19 nach Bad Mergentheim auf Höhe des Autohauses A.M.T. Die zweite Ampel steht an der Abzweigung der B290 beim Naturwärme-Kraftwerk des Stadtwerks Tauberfranken und die dritte an der Kreuzung B19/B290 bei der Esso-Tankstelle.

Von den Planern ist dies so gewollt. Denn die Verlagerung des Verkehrs zwischen Igersheim und der B290 Richtung Lauda auf die ca. 1,3 km längere Süd- und Westumgehung mit ihrem Höhenunterschied wird nur funktionieren, wenn man einerseits die kürzere Ortsdurchfahrt behindert und andererseits die Geschwindigkeit auf der Umfahrung hoch hält. Nur durch wesentlich höhere Geschwindigkeiten als bei der Stadtdurchfahrt bringt die Nutzung der Südumgehung einen geringfügigen Zeitvorteil. Man muss den Ziel- und Quellverkehr behindern und quasi einen Stau in der Innenstadt erzeugen, um die Automobilisten auf die Umgehung zu zwingen. Hohe Geschwindigkeit auf der neuen Straße heißt aber auch viel Lärm, viel Abgase und höhere Unfallgefahren. Mit den Ampeln sollen die Kraftfahrer dazu genötigt werden, einen Weg zu wählen, den sie im Grunde genommen gar nicht wollen.

Kaum Durchgangsverkehr

Das Verkehrsgutachten von Prof. Schaechterle hat gezeigt, dass es in Bad Mergentheim einen Anteil von lediglich 17 % Durchgangsverkehr gibt. 25,5 % sind Binnen- und 57,5 % Ziel- und Quellverkehr. Der Durchgangsverkehr verteilt sich noch dazu auf verschiedene Verkehrsbeziehungen. Nur zum kleineren Teil wickelt er sich zwischen Zielen im Osten und Süden, zum größeren jedoch zwischen dem Norden und Osten ab. Die Verkehrsbeziehung zwischen der B290 Nord (Edelfingen) und der B19 Ost (Igersheim) ist stärker als zwischen der B290 Süd (Herbsthausen) bzw. B19 Süd (Stuppach) und der B19 Ost (Igersheim). Wenn der Verkehr die Stadt im Grunde eher im Norden umfahren will, ist die Sinnhaftigkeit einer Südumfahrung doppelt in Frage gestellt. Wenn dieser Verkehr die Südumgehung benutzt, muss er die Stadt nämlich über die sogenannte Westumgehung wieder durchfahren, die mitten durch Wohngebiet führt. Wenn bei dem geringen Durchgangsverkehrsanteil eine Umfahrung überhaupt Sinn machen würde, dann allenfalls im Norden, was jedoch aus topographischen Gründen unmöglich ist. Das Potenzial einer Südumgehung zur Reduzierung der Verkehrsbelastungen in der Innenstadt ist daher ausgesprochen gering. Wirklich aus der Stadt heraushalten lässt sich mit ihr nur der Durchgangsverkehr, der im Süden um die Stadt herum will.

 

Eine Umgehungsstraße kann Verkehr nicht verringern, sondern nur verlagern. Er wird auf die sogenannte Westumgehung verschoben, die keine Umgehungsstraße ist, sondern Wohngebiet durchschneidet. Es macht keinen Sinn, mit Millionenaufwand lediglich andere und in der Summe sogar noch mehr Menschen mit den unerwünschten Auswirkungen des Autoverkehrs zu belasten. Auf der Westumgehung würden mit der Südumgehung nicht mehr 9.300 Kfz/24h wie im Jahr 1996, sondern 19.100 Kfz/24h (2010) fahren. Dies wäre eine Zunahme des Verkehrs innerhalb von 14 Jahren um 105 %! Dann ist dort so viel Verkehr, wie heute im Mittleren Graben. Dies zeigt die Grenzen der Verlagerungspolitik. Die Anwohner der Westumgehung hätten dann das selbe Recht auf eine Entlastung, das die Anwohner der Igersheimer Straße und des Mittleren Grabens heute für sich beanspruchen. Eine weitere Umgehungsstraße im Westen, um die Westumgehung zu entlasten, ist nicht denkbar. Die Anwohner der Westumgehung sind die Opfer der Verlagerungspolitik. Sie mussten schon in den letzten Jahren einen starken Verkehrszuwachs erdulden. Er kam durch die Empfehlung von Prof. Schaechterle zustande, den Oberen Graben zu sperren. Es war das erklärte Ziel dieser Sperrung, den Verkehr aus der Stadt auf die Westumgehung zu verlagern, was teilweise auch gelungen ist. Mit der Südumgehung wird die Belastung dieser Menschen noch weiter zunehmen.

 

Die von der Südumgehung erzeugte Entlastungswirkung in der Innenstadt (Mittlerer Graben) ist geringer als der prognostizierte Verkehrszuwachs! Es wird keine Verbesserung des Lärms, der Schadstoffmenge und Luftqualität in der Stadt geben, sondern allenfalls eine geringere Zunahme. Dies als "Entlastung" zu bezeichnen täuscht die BürgerInnen über den wahren Sachverhalt. Sie erwarten sich nämlich einen Rückgang der bereits heute als unerträglich empfundenen Belastungen. Wurden 1996 z.B. im Mittleren Graben 18.400 Kfz/24h gezählt, werden es - trotz Südumgehung - im Jahr 2010 19.500 Kfz/24h sein. Im Planfall 1, bei dem die Kapuzinerstraße zur Fußgängerzone umgewidmet wird, würden im Mittleren Graben sogar 20.400 Kfz/24h erwartet. Lediglich in der Igersheimer Straße wird der Verkehr abnehmen. Anders formuliert, die Südumgehung macht das Wachstum, das sie auffangen soll, erst möglich ("wer Straßen sät, wird Verkehr ernten"). Die zur Rechtfertigung der Südumgehung immer wieder beschworene Gefahr, dass Bad Mergentheim das Prädikat "Heilbad" aberkannt wird, weil die Schadstoffbelastung in der Stadt zu hoch ist, würde durch die Südumgehung nicht abgewendet. Weil die Verkehrsmenge nämlich trotz Umfahrung zunimmt, nimmt auch die Schadstoffbelastung zu.

Schikane für den Ziel- und Quellverkehr

Es ist widersinnig, den kleineren Verkehrsstrom über die Südumfahrung zu bevorrechtigen und den größeren zu behindern, wie dies am Auftakt der Südumgehung bei Igersheim geplant ist. Der größere Verkehrsstrom in die Stadt soll durch die Ampelsteuerung bei Igersheim erschwert werden. Die Bevorrechtigung der Südumgehung geht klar zu Lasten des Ziel- und Quellverkehrs. Den Zeitvorteil der Umfahrungsbenutzer bezahlt die große Mehrheit derjenigen, die ihr Ziel in der Stadt haben, mit zusätzlichen Wartezeiten an den Kreuzungen B19/Igersheimer-Str., B19/B290 und Eisenbergweg/Wachbacher-Straße. Diese Verkehrsbehinderungen stehen im übrigen auch im Widerspruch zum Bestreben, Einkaufsverkehr nach Bad Mergentheim zu locken.

Falsche Versprechungen

Zur Rechtfertigung der Südumgehung wird immer wieder versprochen, damit den Schwerverkehr aus der Stadt heraus zu halten. Die Befürworter verschweigen jedoch, wie sie dies erreichen wollen. Beim Schwerverkehr handelt es sich, wie beim Personenverkehr, hauptsächlich um Ziel- und Quellverkehr. Er lässt sich nicht aus der Stadt heraus halten, soll Bad Mergentheim auch zukünftig noch beliefert werden können. Wegen der geringeren Spitzengeschwindigkeit des Schwerverkehrs ist die Zeitersparnis für LKW gegenüber der Ortsdurchfahrt auch geringer als für PKW, so dass der wichtigste Anreiz, die Südumfahrung zu benutzen, für LKW weitgehend entfällt. Ein Durchfahrtsverbot für Schwerverkehr ist im übrigen nicht kontrollier- und damit auch nicht durchsetzbar.

Die Verkehrsstaus entstehen in Bad Mergentheim im morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr. Da es sich hierbei um Ziel- und Quellverkehr handelt, beseitigt die Südumgehung gerade diese Probleme nicht. Diese Staus sind im übrigen zum großen Teil hausgemacht. Durch die Sperrung des Oberen Grabens zugunster der Tiefgarage wurden diese Probleme massiv verschärft. Der gesamte Verkehr muss sich nun durch das Nadelöhr der Forstamtskreuzung zwängen. Mit der Öffnung des Oberen Grabens in einer Richtung könnten die Verkehrsspitzen morgens und abends besser abgewickelt werden.

OB gibt Mängel zu

Noch ist die Südumfahrung im Bau und für den Verkehr nicht frei gegeben, da fordert Oberbürgermeister Udo Glatthaar in einem Interview mit den Fränkischen Nachrichten vom 21. Mai 2014 bereits Nachbesserungen. Ihm ist klar, was wir Grüne schon immer sagten: Die Südumgehung wird schlecht funktionieren und das Verkehrsaufkommen in der Stadt nicht merklich reduzieren. Um die schlimmsten Defizite der Planung zu verringern möchte er an der Kreuzung B19/B290 bei der Esso-Tankstelle einen Kreisverkehr statt der geplanten Ampel und beim Naturwärme-Kraftwerk in Richtung Crailsheim einen Bypass. Selbst die aus topografischen Gründen undurchführbare Idee einer Nordumfahrung von Bad Mergentheim bringt er wieder ins Gespräch.

 

Das Projekt hat OB Glatthaar von seinen Vorgängern übernommen. Für die verfehlte Planung ist er nicht verantwortlich, wohl aber seine Partei CDU, die sogar stolz darauf ist, sie mit allen Mitteln verfolgt und durchgesetzt zu haben. Es ist ein Fortschritt, dass er die Probleme anspricht. Seine Lösungsvorschläge aber sind unrealistisch. Abgesehen davon, dass Landschaftsverbrauch keine Rolle zu spielen scheint, wecken sie bei den Bürgerinnen und Bürgern lediglich unerfüllbare Erwartungen. Der Bund wird an der noch nicht einmal fertiggestellten Straße keine teuren Umbauten vornehmen und der Stadt fehlt das Geld, sie auf eigene Rechnung zu realisieren.