Und alles bleibt anders
Meine kleine Geschichte der Mobilität
Mehr in die Zukunft denken! Dazu forderte Winfried Hermann im Rahmen seiner Lesung nicht nur die „große“ Politik und KommunalpolitikerInnen, sondern auch jede und jeden Einzelnen auf. Wie es werden soll in Sachen Mobilität, Klima, Lebensqualität, darüber müsse die ganze Gesellschaft nachdenken, appellierte er vor gut 60 Gästen, die sich am Freitag 23. Januar zur Lesung in der Buchhandlung Moritz und Lux eingefunden hatten.
Sein Buch ist nicht gerade brandneu: Bereits vor fünf Jahren erschien „Und alles bleibt anders. Meine kleine Geschichte der Mobilität“ im Molino-Verlag. Die Schreibzeit hatte ihm der Corona-Lockdown verschafft.
Mit ruhigen, an an Stränden auslaufende Wellen erinnernden Gitarrenklängen hatte Max Schwab den Abend mit Hermann und dem Landtagskandidaten der Grünen Gerd Bayer eröffnet, ehe Hausherr Rainer Moritz, Vorsitzender der Grünen Kreistagsfraktion und seit rund vier Jahrzehnten gut mit „Winne“ Hermann bekannt, die Gäste begrüßte.
Ausdrücklich war der Abend keine Wahlkampfveranstaltung, aber als eloquent-lockerer Moderator und Gesprächspartner des Verkehrsexperten konnte sich Gerd Bayer potentiellen Wählerinnen und Wählern gut präsentieren. Fast schon familiär wirkte die abwechslungsreich mit Lesungselementen, Gespräch, Musik, Diskussion und anschließendem lockeren Beisammensein gestaltete Veranstaltung.
Winne Hermann berichtet aus seiner Kindheit in Rottenburg am Neckar. Rollfuhrunternehmer war der Großvater, lieferte noch mit dem Pferdefuhrwerk Güter von Herstellern zum Bahnhof und umgekehrt. Der nah gelegene Güterbahnhof war Spielplatz, die Pferde – heiß geliebt – räumten der Motorisierung das Feld. Gut erinnert sich Hermann an Kohle-Abholungsfahrten mit dem Diesel-LKW nach Stuttgart. Erinnerung an den Neckarhafen: gigantisch groß. Dann grub der straßengebundene Lastverkehr dem Schienentransport das Wasser ab, die Familie gab die Spedition auf. Statt zum Transportunternehmer wurde Hermann, wie er augenzwinkernd berichtet, Transportminister. Nur zwei Jahrzehnte genügten zum massiven, zwar teuren, aber als zukunftsfähig eingeschätzten Ausbau der Autobahnen, während das eigentlich gut für den Welthandel gerüstete Schienennetz links liegen blieb, veraltete. Ein Grundfehler, so Hermann, der als Politiker schon früh auf nachhaltige Mobilität setzte.
Noch 1952 liefen 52 Prozent der Güterverkehre über die Bahn, gefolgt von der Binnenschifffahrt, die rund ein Viertel der Güter transportierte, berichtet er. „Im Schienenverkehr mit gut kalkulierbaren Bahnen hätte die Zukunft gelegen.“
Als junger Mann erlebte er die große Freiheit im „Weltkugel-Taunus“: Der eigene PKW versprach dem begeisterten Fahrer Freiheit und die in den Familienwohnungen fehlende Privatsphäre. Das eigene Auto gehörte einfach dazu, bis seine Tübinger Studenten-WG feststellte, dass für ihre insgesamt vier Autos einfach nicht genug Parkraum zu Verfügung stand. Zwei Autos weg – und für die anderen beiden klare Regelungen, wer welches wann und wie lange benutzen durfte; frühes Car-Sharing in Eigenregie. Das Ländle hat es bislang trotz Grünem Verkehrsminister nicht nachgemacht: Hermann führt aus, dass in Baden-Württemberg bei rund elf Millionen Einwohnern rund sieben Millionen Autos mit einer mobilen Kapazität von gut 28 Millionen Sitzplätzen unterwegs sind - oder eben gerade nicht.
Lange gegolten habe die Maxime, immer neue und breitere Straßen zu benötigen und Straßenbau sei für Abgeordnete regelrecht zum „parlamentarischen Leistungsnachweis“ geworden, so Hermann. Umsetzungen erfolgen oft erst 15 bis 20 Jahre nach der Planung, wenn sie eigentlich längst neuen Bedingungen Rechnung tragen müssten. Und Neubaugeld sei ohnehin knapp angesichts der in weiten Teilen noch aus den 60er bis 80er Jahren gebauten sanierungsbedürftigen Infrastruktur. Zu schaffen sei eine auf die Zukunft orientierte Gestaltung nicht mit Subventionierungen, sondern durch nutzerorientierte Finanzierung.
Auch Porschefahrer seien hin und wieder auf dem Rennrad und vorzugsweise auf gut ausgebauten Radwegen unterwegs, ein kluger und zukunftsorientierter Mix sei also für alle am besten. Vor rund anderthalb Jahrzehnten setzten unter anderem Automobilkonzerne auf die Erkundung von Zukunftsmodellen – wichtig, aber „die Zukunftsdiskussion können wir nicht den Konzernen überlassen.“ Bei jeder Entscheidung – privat wie in den Gremien - müsse die zentrale Frage sein, ob sie wirklich in die Zukunft passe. Zukunftstaugliche Technologien gebe es längst, gebremst würden sie durch „Beton in den Köpfen.“ Aber: Zukunftsgestaltung mit den Technologien des 19. Jahrhunderts funktioniere einfach nicht.
In der anschließenden lebhaften Diskussion brachte das Publikum unter anderem das Ausbautempo von Ladeinfrastruktur und die Idee von Tauschbatterien für E-Mobilität, autonomes Fahren, die Weiterentwicklung des Deutschland-Tickets und die Hoffnung auf den Erhalt von Arbeitsplätzen durch das Aus fürs Verbrenner-Aus ins Gespräch.
Winne Hermanns Credo gegen bleierne Zukunftsangst: Alternativen diskutieren, mit einer jüngeren Politikergeneration sukzessives Umdenken und Umlenken in Gang bringen, und zuversichtlich sein, denn sonst ändere sich nichts. Schließlich seien viele Technologien schon längst vorhanden, um jetzt Zukunft zu machen.