Gesundheitspolitik im ländlichen Raum

Seminarteilnehmer von der Komplexität des Themas überrascht

Dr. Selbach schilderte zunächst die dramatische wirtschaftliche Lage der Kliniken in der Region. Die Krankenhäuser in Kitzingen und Ochsenfurt werden zusammengelegt, das in Rothenburg ob der Tauber stehe auf der Kippe. Die Rotkreuzklinik in Wertheim wurde wegen Insolvenz passager geschlossen. Das DIAK in Schwäbisch Hall musste notfallmäßig vom Landkreis übernommen werden. Die Krankenhäuser in Mosbach und Buchen erwirtschaften seit Jahren Millionendefizite, die vom Neckar-Odenwald-Kreis ausgeglichen werden müssen. Freigemeinnützige Häuser wie das Caritas bekämen keine Zuschüsse, steckten mittlerweile aber ebenfalls in den roten Zahlen und seien zu schmerzhaften Sparmaßnahmen gezwungen.

Die Deutschen hätten insgesamt zu viele Arztkontakte. Auch sei die durchschnittliche Liegezeit im Krankenhaus von sieben Tagen zu lang. Dr. Selbach geht davon aus, dass weitere Krankenhäuser geschlossen werden. Grund dafür sei nicht nur der Ärztemangel, sondern in viel stärkerem Maße der Mangel an Pflegepersonal und der Kostendruck. Eigentlich sei eine Klinik im Main-Tauber-Kreis für die Versorgung ausreichend. Es werde noch viel stärker ambulant behandelt werden müssen als bisher.

Gesundheitsversorgung mit "Klebeeffekt" sichern

Monika Treppner stellte die vielen verschiedenen Aufgaben des Gesundheitsamtes vor. Unter anderem ist seit 2012 die Geschäftsstelle der kommunalen Gesundheitskonferenz dort angesiedelt. Sie dient als zentrales Netzwerk zur Förderung von Gesundheit und Versorgung im Landkreis. Unter ihrer Leitung wurde vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, 42,6% der Allgemeinärzte im Main-Tauber-Kreis sind 60 Jahre und älter, zur langfristigen Sicherung der hausärztlichen Versorgung 2026 der Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin gegründet. Monika Treppner verspricht sich davon, dass Ärzte, die hier im Landkreis eine gut strukturierte, koordinierte Weiterbildung in enger Kooperation mit Ärzten und Kliniken absolviert und die Vorzüge der Region kennen und schätzen gelernt haben, anschließend größtenteils in der Region bleiben. Dieser sogenannten „Klebeeffekt“ kann bis zu 80% betragen. Das gleiche Ziel verfolgt der 2023 in Zusammenarbeit mit dem Neckar-Odenwald- Kreis gegründete Weiterbildungsverbund Psychiatrie und Psychotherapie.

Ebenfalls unter der Leitung der Geschäftsstelle der Kommunalen Gesundheitskonferenz wurde der Bewegungspass in den Kindergärten eingeführt. In den Daten der Einschulungsuntersuchung hat sich gezeigt, dass 4- bis 5-jährige Kinder im Landkreis im Bereich Grobmotorik und Übergewicht im Baden-Württemberg Vergleich schlechter abschneiden. Der Bewegungspass soll dem entgegenwirken, indem er auf spielerische Weise die Kinder zu mehr Bewegung motiviert.

Im Rahmen der Europäischen Impfwoche will das Gesundheitsamt die niedrige Impfquote gegen das HPV-Virus im Landkreis in den Fokus stellen.

Durch die Digitalisierung und aufgrund der verbesserten Personalstruktur im Rahmen des ÖGD-Paktes sei das Gesundheitsamt für seine vielfältigen Aufgaben unter anderem in der Prävention oder einer eventuellen Pandemie- und Krisenbekämpfung zukünftig besser gewappnet als in der Vergangenheit.

Abgestimmtes Versorgungskonzept

MdL Norbert Knopf sieht die Lage im Gesundheitswesen als „ernst aber gestaltbar“. Auch den demografischen Wandel sehe er nicht als das Hauptproblem, sondern als beherrschbar. Die Versorgungsproblematik sei hausgemacht durch zu viel Bürokratie. Es komme jetzt darauf an, nicht zu lange an alten Strukturen festzuhalten. Er plädiert für mehr Kooperationen und regional abgestimmte Planungen zum Umbau der Versorgung. Manche Aufgaben von Ärzten könnten qualifizierten Gesundheitsfachkräften übertragen werden, zum Beispiel die Wundnachsorge. Knopf fordert mehr Digitalisierung, flexible Arbeitszeitmodelle, multiprofessionelle Praxen und ein abgestimmtes Versorgungskonzept. Der kommerzielle Gedanke sei im Gesundheitswesen fehl am Platz. Gleichzeitig sei die Gesundheitswirtschaft bei sinkender Beschäftigung in der Industrie ein Anker im System.

Die Anwerbung von Medizinern und Pflegekräften aus Entwicklungsländern, um die Versorgung in Deutschland zu verbessern, sieht der Landtagsabgeordnete kritisch. Das sei Ausbeutung. Besser seien transnationale Universitäten wie es sie zum Beispiel in Ägypten gibt, in denen Fachkräfte ausgebildet werden.

Norbert Knopf kritisiert die Finanzierung der Arzneimittelforschung. Sie werde derzeit durch hohe Preise für neue Medikamente bezahlt. Deshalb unterbleibe die Entwicklung neuer Medikamente, wenn sie voraussichtlich nur selten verkauft werden können, zum Beispiel Antibiotika. Besser wäre, wenn der Staat die teuren Medikamentenstudien für neue Arzneimittel bezahlen würde. Sorge bereite auch die Verlagerung der Arzneimittelherstellung ins Ausland. Falls ein Konflikt mit China ausbricht könnte die Medikamentenversorgung zusammenbrechen. Die Produktion müsse wieder stärker in Europa geschehen. Die Gesundheit verbessere sich aber vor allem durch Prävention, in erster Linie soziale Prävention und Impfungen.

Die Seminarteilnehmenden waren von der Komplexität der Probleme im Gesundheitswesen beeindruckt. Einfache Lösungen sind nicht in Sicht. Um die Gesundheitsversorgung im Landkreis zu sichern plädieren die Grünen dafür, multiprofessionell besetzte Primärversorgungszentren in kommunaler Trägerschaft aufzubauen.

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