Jugendhilfe vor neuen Herausforderungen

Es fehlt an sozialem Wohnraum

Grüne besuchen die Jugendhilfe Creglingen e.V.
Von links: Kreisrat Rainer Moritz, Gabriele Bachem-Böse, MdL Hermino Katzenstein und Kreisvorsitzender Dietrich Grebbin

Schwerpunkt des Betreuungsabgeordneten der Grünen, MdL Hermino Katzenstein, ist die Verkehrspolitik. Dies hindert ihn jedoch nicht, sich auch mit anderen Politikfeldern zu beschäftigen, zum Beispiel der Jugendhilfe. Aus diesem Grund ließ er sich gemeinsam mit Kreisvorstandsmitgliedern der Grünen Main-Tauber von der Jugendhilfe Creglingen e.V. über aktuell anliegende Probleme informieren.

Der Landtagsabgeordnete wurde von Gabriele Bachem-Böse empfangen, die den erkrankten Geschäftsführer Werner Fritz vertrat. Sie schilderte die Entwicklung der Jugendhilfe Creglingen e.V. von den Anfängen 1952 bis heute, die aktuell circa 290 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf etwa 200 Vollzeitstellen beschäftigt. Begonnen hatte alles im Kloster Frauental mit stationärer Unterbringung von entwurzelten Kriegsheimkehrern und Straßenkindern aus Berlin. Ziel war es, den kriegsbedingten Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft und in der Industrie zu verringern. Mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden neben den stationären, auch ambulante Hilfen geschaffen. So entstand beispielsweise eine Wohngruppe für Berufsschüler in Bad Mergentheim. Inzwischen ist die Jugendhilfe Creglingen mit stationären Wohngruppen im gesamten Landkreis vertreten. Ambulante Hilfen bietet sie darüber hinaus auch in den benachbarten bayerischen Landkreisen an.

Unverständliche Hindernisse

Von den in der Hochphase geschaffenen fünf Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Ausländer ist heute nur noch eine belegt. Die jungen Menschen hätten einen starken Drang, in eine eigene Wohnung zu ziehen. „Für die Betreuten der Jugendhilfe gab es schon immer einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum“, klagte Gabriele Bachem-Böse, „mit der Zuwanderung hat sich dieser Mangel nochmal deutlich verschärft“.

Die gesetzlichen Regelungen für Asylbewerber hätten in Creglingen seltsame Folgen gehabt. Sie durften beispielsweise nicht den Schulbus nach Weikersheim benutzen, weil der über bayerisches Gebiet fährt, die Flüchtlinge aber das Land Baden-Württemberg nicht verlassen dürfen. MdL Hermino Katzenstein versprach, sich für eine Ausnahmeregelung in solchen Fällen einzusetzen. Was verwaltungstechnisch für Einheimische sehr einfach ist, sei für Geflüchtete extrem schwierig, so Bachem-Böse. „Ich habe einen halben Tag gebraucht, um ein Maxx-Ticket des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar für einen Flüchtling zu beantragen“.

Gesellschaft wird intoleranter

Ein weiteres Thema waren „Systemsprenger“, Kinder die überall abgewiesen werden und die niemand mehr steuern kann. Sie habe es schon immer gegeben, berichtete die Diplom-Psychologin Bachem-Böse, „sie werden aber mehr und immer jünger“. Sie führe dies unter anderem darauf zurück, dass die Gesellschaft rigider geworden sei und solche Kinder weniger aushalte als früher. Die Jugendhilfe Creglingen e.V. habe für solche Kinder eine Stabilisierungsgruppe eingerichtet. Die übliche Personalausstattung einer regulären Wohngruppe mit einer Erzieherin für acht Jugendliche, reiche in diesen Fällen aber nicht aus. Weiter wären flexible Angebote notwendig, die jedoch schwierig zu finanzieren wären.

Eine erhebliche Schwierigkeit für die Jugendlichen sei der Übergang von einem Ausbildungsabschnitt zum nächsten. Während der eine mit den Sommerferien ende, beginne der nächste erst danach. Zwischen den beiden Abschnitten bestehe eine Finanzierungslücke, weil kein Kostenträger dafür zahle.

Ein weiteres bürokratisches Hindernis trete auf, wenn die Jugendlichen BAFöG beantragen. Hierfür benötigen sie hierfür die Unterschrift und Einkommensnachweise ihrer Eltern. In vielen Fällen bestehe zu diesen jedoch kein Kontakt mehr, weshalb der Antrag nicht bearbeitet werde. Gabriele Bachem-Böse wünscht sich, dass in solchen Fällen das Jugendamt die erforderliche Unterschrift leisten darf. Außerdem bemängelte sie, dass es im Main-Tauber-Kreis keine Förderschule für Erziehungshilfe gibt und entsprechende Schulplätze fehlten.

Abschließend warb Bachem-Böse für eine Mitgliedschaft oder Spenden für den Verein Creglinger Sofa e.V. Er vergebe zum Beispiel Kredite an Jugendliche zum Erwerb eines Führerscheins, der beruflich gebraucht werde. Hermino Katzenstein zeigte sich beeindruckt von den Leistungen der Jugendhilfe und versprach, sich für die Lösung der angesprochenen Probleme einzusetzen.

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