Bio-Musterregion: Gedanken eines Biobauern

Als Bio-Landwirt des Main-Tauber-Kreises freue ich mich über die erfolgreiche Bewerbung des Landkreises zur Bio-Musterregion. Mit allen Beteiligten wurden sehr viele unterschiedliche Perspektiven beleuchtet und dennoch gemeinsam an einem Strang gezogen. Hierfür ist vor allem dem Landratsamt und Landwirtschaftsamt zu danken, die den Prozess gut koordiniert haben.

Der Anfang ist gemacht

Die Frage ist wie es weitergeht und wer nun aktiv und konstruktiv für den Aufbau der Bio-Muster-Region mitarbeiten kann und will. Bei einigen konventionell wirtschaftenden Kollegen und ihren Vertretern hat schon das Bio-Gesetz der Landesregierung Verunsicherung und Ängste ausgelöst. Diese Bedenken sollten sich durch ihre Mitarbeit an der Biomusterregion bald verringern lassen. Denn die durch das Landesgesetz angestoßene „Ökologisierung“ der regionalen Landwirtschaft wird den Beteiligten einen Wertschöpfungsgewinn bringen.

Der Taubertal-Tourismus, die Gastronomie sowie Heil- und Reha-Kliniken werden die entstehenden Produkte und den Image-Zugewinn für die Weiterentwicklung ihrer Marke „Liebliches Taubertal“ nutzen. Auch für die Bio-Bauern der Region ist die 25 % Strategie des Landes eine Herausforderung, denn die Bio-Vermarktung in der Region wird sich stark verändern. Bauernmärkte, Bio- und Hofläden werden nicht mehr ausreichen, um alles zu vermarkten. Edeka/Rewe und Co, die bisher überwiegend „Import- und Großhandels–Bio“ verkaufen, dürfen dann ihr Versprechen wahr machen, doch gerne mehr regionales Bio vermarkten zu wollen.

Und der so bezeichnete „aufgeklärte Verbraucher“, der wir ja doch alle sein wollen, darf, kann und wird dann diese regionalen Bio-Produkte zu den dafür notwendigen Preisen auch kaufen. Aber selbst wenn „wir alle“ gemeinsam dies tun, muss klar sein, dass die regionale Vermarktung der erzeugten Produkte begrenzt ist durch die Zahl der Menschen hier in unserer Region. Wir werden mit unseren guten Erzeugnissen auch in den Ballungs-Zentren punkten können.

Viele kleine Schritte führen zum Ziel, aber wo geht es lang?

Die Auswahl einer/eines motivierten Regionalmanager/in/s wird nun der erste Schritt sein, denn ihre/seine Aufgabe wird vor allem sein, alle Akteure zur produktiven gemeinsamen Arbeit zusammenzubringen und auch zu halten, wenn es die absehbaren Differenzen über Ziele und Wege gibt. Wenn dann die, die hier schon aktiv Bio-Landwirtschaft, Bio-Verarbeitung und Bio-Handel betreiben, weiter eng verzahnt durch Landwirtschaftsverwaltung und Landratsamt konstruktiv miteinander reden und handeln, kommen dabei auch praxistaugliche Ergebnisse heraus, die den Auftrag des Gesetzes erfüllen, irgendwann die 25 % Bio zu erreichen. Da nun sicher bald weitere Bio-Bauern und -Flächen, wie vom Land gewünscht, dazu-kommen, muss als Erstes, vor allem in die dazu unbedingt notwendige regionalen Verarbeitungsstrukturen investiert werden. Denn es braucht z.B. für die Streuobstbauern nicht nur Keltereien, sondern auch kreative Getränkemixer - nur Apfelschorle trinkt auch im Landratsamt niemand mehr.

Gebraucht werden Verarbeitungsbetriebe

Die Gemüsebauern benötigen dringend einen Aufbereitungsbetrieb, welcher Möhren, Kartoffeln, Salat etc. küchenfertig an Schul- und Behördenkantinen liefert, denn Möhren putzende Schuleltern und Amtsmitarbeiter finden sich leider (bisher) nur selten. Und für die Bauern mit Weide/Rinder, Schweine, und Geflügelhaltung braucht es Metzger, welche die Tiere dann (Groß)-küchenfertig zu Schnitzel und Gulasch aufbereiten.

Für die letzten, sehr raren regionalen Schlachtbetriebe, ist das eigene Schlachten mit hohen Auflagen verbunden. Hilfreich wäre die Genehmigung der in anderen Regionen schon möglichen (weide-) bzw. hofnahen Schlachtung sowie mobile Schlachter, die dieses Problem schnell und unkompliziert lösen könnten. Um dies zu realisieren, müssen sich aber Politik und Verwaltung dafür einsetzen, ebenso wie für die regionale Ausbildung der Metzger, denn ohne gute einheimische Fachleute wird es nicht gehen. Verbundlösungen für die Ausbildung, bei denen mehrere Betriebe die Ausbildung gemeinsam durchführen, wären eines der notwendigen kreativen Elemente einer gut geplanten Bio-Musterregion.

Interregionale Kooperation

Hier enden aber spätestens die Möglichkeiten einer – zu klein gedachten – Entwicklung, denn eine „interregionale“ Vernetzung mit den benachbarten Bio-Muster und Modellregionen ist unverzichtbar. Nicht jeder Bio-Kreis wird in näherer Zukunft einen Bio-Schlachthof, Mälzerei, Schäl/Ölmühle etc. benötigen oder haben.

Diese Stufe der praktischen Zusammenarbeit hat wiederum ihre Grenzen, denn ohne dafür zugeschnittene Förderprogramme der Landesregierung werden sich diese, sehr oft nicht mehr vorhandenen Verarbeitungsstrukturen nicht neu schaffen lassen. Der bisher verfolgte Ansatz, vor allem Gelder für „Marketing“- Kampagnen einzusetzen, wird nicht ausreichen, um die im Landesgesetz gewünschte Bio-Dynamik zu realisieren.

Und dann sind wir schnell beim Bund und der EU, denen es obliegt, Bestimmungen und Gesetze zu erlassen, welche die regionalen „Wertschöpfungsketten“ und Kreisläufe fördern und stärken (z.B. durch steuerliche Bevorzugung der regionalen Verarbeitungs-„Klein“-strukturen gegenüber den Handels- und Verarbeitungsriesen)

Nun könnten wir bei der Größe dieser Gesamtaufgabe ja auch gleich resignieren – und dann zum Heulen in den Keller gehen.

Aber „frischgemut“ losgelegt, Schritt für Schritt, weil wir wissen, dass es die Zukunftsvorsorge für Wasser, Klima, Artenschutz, Ernährungssicherheit, Gesundheit und unserer Lebensqualität sowieso von uns erwartet, dass wir uns auf diesen Weg machen.

Die Entscheidung für die Bio-Region ist eine große Chance für den Landkreis - nutzen wir sie?

Reinhold Schneider

www.rosenhof-taubertal.de

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